Kommentar zum Sonntagsevangelium am 17.03.2013 - Joh. 8,1-11

Manches Jesuswort erfährt im Laufe der Zeit eine interessante Entwicklung. Das geflügelte „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie“, das Jesus denjenigen entgegnet, die eine Ehebrecherin steinigen wollen, ist heute zu einer umfassenden Amnestieerklärung geworden: Weil niemand ohne Schuld ist, darf auch niemand verurteilen; und wo niemand verurteilen darf sind alle entschuldigt.

Oder um es in seiner Paradoxie auf die Spitze zu treiben: Wo niemand ohne Schuld ist, sind alle ohne Schuld. Doch so hat Jesus diese Worte nicht gemeint. Auch er verurteilt die Frau nicht, doch er heißt ihr Verhalten auch nicht gut: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ Wenn andere Menschen uns nicht verurteilen, weil sie sich das Jesuswort zu Herzen nehmen - was wir alle tun sollten -, und wenn Gott uns nicht verurteilt, weil seine Gnade und Liebe größer sind, heißt das ja nicht, dass wir ohne Schuld sind. Und so wenig uns andere Menschen verurteilen sollen oder können, so wenig können und sollen wir uns selbst entschuldigen. Wir sind immer auf Vergebung angewiesen und auf Vergebung dürfen wir hoffen. Gerade dann, wenn wir Jesu letzte Worte ernst nehmen: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehrl“

Michael Tillmann

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